Aggression: Wenn der Vulkan die Logik schmilzt
Warum unsere Kinder im Sturm keine Argumente brauchen, sondern einen sicheren Hafen.
Kennst du diese Momente, in denen die Welt eigentlich in Ordnung ist, und dann – von einer Sekunde auf die andere – bricht das Chaos aus? Vielleicht war es das „falsche“ Paar Socken. Oder die Tatsache, dass du die Banane geschält hast, obwohl dein Kind das selber machen wollte. Oder der Klassiker: Die Kassenzone in Migros oder Coop, wo die Frustration über das nicht gekaufte Überraschungs-Ei sich in (super)mark(t)erschütterndem Geheul ausdrückt.
In solchen Momenten fühlen wir uns oft wie Feuerwehrleute, die verzweifelt versuchen, ein Inferno zu löschen. Im Wissen um zahlreiche Zuschauer argumentieren und schimpfen wir, wir drohen mit Konsequenzen oder versuchen, das Kind mit Logik zur Vernunft zu bringen. Doch die Natur hat für diese Momente eigentlich ein ganz anderes Drehbuch geschrieben. (Und lieber «Happy-Family-Coop» und liebe Famigros: In der Natur gibt es auch keine Süssigkeiten-Schleusen, in denen Kinder warten müssen und in denen es keinen Platz für ihren ganz natürlichen «Struggle» gibt!)
„Man kann einen aktiven Vulkan nicht löschen, indem man oben Wasser hineinkippt.“
Wenn das System unter Hochdruck steht
Was in diesen Momenten im Supermarkt oder am Zvieri-Tisch passiert, ist keine böse Absicht und auch kein Erziehungsfehler. Es ist ein physiologischer Prozess, der sich in Form einer Angriffsenergie ergiesst.
Eigentlich ist diese Energie ein Geschenk der Natur: Sie ist dazu gedacht, Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Sie will sich entladen, und genau hier liegt das gestaltende und kreative Potenzial der viel besprochenen Wut-Kraft: Sie will Dinge zum Laufen bringen. Ein Ladung – nein, ein Cocktail aus Hormonen wie Adrenalin und Cortisol flutet den Körper, Synapsen feuern und elektrische Impulse mobilisieren uns, damit wir ein Ziel erreichen.
Doch im Alltag stossen unsere Kinder (und wir!) ständig auf Grenzen, an denen es schlichtweg nichts (mehr) zu verändern gibt: Die Banane ist bereits geschält und das Überraschungsei wird definitiv nicht gekauft. In diesem Moment der Vergeblichkeit prallt die bereits mobilisierte Energie mit voller Wucht gegen eine Wand.
Aggression ist jeder Ausbruch von Angriffsenergie – ein Notsignal des Systems, kein Zeichen von Boshaftigkeit
Nun geht es darum, mit dieser angestauten inneren Ladung klarzukommen. Doch das Gehirn von Kindern ist oft noch nicht weit genug entwickelt, um diese Energie innerlich zu bändigen oder sie mit anderen Impulsen zu mischen – etwa dem Gedanken: «Ich bin zwar gerade uh-mega wütend, aber ich will Mami nicht wehtun». Da diese „Mischschüssel“ im Gehirn noch fehlt und da die Vergeblichkeit zumindest im Moment nicht gefühlt werden kann, sucht sich die aufgestaute Ladung einen anderen Ausgang. Sie bricht sich Bahn wie ein Blitz bei einem Gewitter, wie eine Eruption von Gasen und Lava – als Angriff im Aussen.
Warum Reden jetzt nichts nützt
Hast du schon einmal versucht, mit einem Vulkanausbruch zu diskutieren? Eben. Wenn diese Ladung das System «Kind» kapert und die Emotionen hochkochen, ist das Grosshirn vorübergehend wegen Überhitzung geschlossen. Das Kind kann in diesem Moment hier nicht abgeholt werden, es kann dich rational nicht verstehen.
Jedes „Jetzt beruhig dich doch mal“ ist wie der Versuch, das Feuer mit Benzin zu löschen. Es erhöht den Druck im Kessel nur noch mehr, weil das Kind sich in seiner physiologischen Not nicht gesehen fühlt. Die Logik erreicht das Ohr, aber sie dringt nicht bis zum Gehirn vor, das gerade auf „Überleben“ geschaltet hat.
Die zwei Schauplätze der Wut
Um den Vulkan zu bändigen, müssen wir auf zwei völlig unterschiedlichen Ebenen ansetzen. Es ist ein bisschen wie in der Seefahrt: Es gibt das, was wir während des Sturms tun, und das, was wir im Hafen vorbereiten
1. Im Auge des Sturms: Schadensbegrenzung
Wenn die Lava sprüht, ist nicht der Moment für Lektionen-fürs-Leben. Jetzt geht es nur um eines: Sicherheit und Bindung. Also darum, dass nichts und niemand kaputt geht oder Schaden nimmt – auch nicht unsere Beziehung.
Konkret heisst das: Die Situation so schnell und so geerdet wie möglich zu beenden. Also:
✅ Wenig Worte: Das Gehirn und mit ihm die (vielleicht noch gar nicht wirklich entwickelte Ration) deines Kindes ist „offline“. Spar dir die Erklärungen für später, wenn ihr beide ruhig und in Bindung seid.
✅ Präsenz zeigen: Signalisiere (wenn möglich): „Ich bin da, ich halte das mit dir aus. Ich kenne den Weg durch den Sturm.“
✅ Keinen Schaden anrichten: Widersteh dem Impuls, jetzt mit harten Konsequenzen zu drohen. Das erhöht nur den Alarm im System und feuert den Vulkan nur noch an…
Mir gelingt diese Schadensbegrenzung besser mit einer kleinen «note-to-self»: Ich mache mit mir innerlich ab, dass ich diese Situation mit meinem Kind zu einem späteren, möglichst «kuscheligen» Zeitpunkt nochmals anschaue. Das nimmt mir den Stress, jetzt sofort eine pädagogische Glanzleistung erbringen zu müssen.
2. Im sicheren Hafen: Den Boden für Reifwerdung bereiten
Die eigentliche Entwicklung passiert nicht im Sturm, sondern in den Phasen dazwischen. Wenn die Wellen flach und wir wieder in Verbindung sind, können wir uns um das Fundament kümmern.
Hier geht es nicht um kurzfristige Korrektur, sondern darum, die Bedingungen zu schaffen, damit das Kind (und sein Gehirn) wachsen kann. In dieser ruhigen Zeit können wir:
Die «Ladung» senken: Stell dir die Frustration deines Kindes wie ein Fass vor, das sich über den Tag füllt. Der Streit um die Socken am Morgen, der Zeitdruck beim Losgehen, das verschwundene aber unverzichtbare Lego-Klötzli – alles sammelt sich an. Wenn wir merken, dass das Fass fast überläuft, können wir im Alltag bewusst Druck rausnehmen. Das bedeutet nicht, keine Grenzen mehr zu setzen, sondern zu schauen: Wo können wir heute für Entlastung sorgen? Wo braucht es vielleicht mal eine Extraportion Spiel und Bindung statt noch mehr (An-)Forderungen?
Zum Engel des Trostes werden: Wir helfen dem Kind, auch die kleinen Enttäuschungen des Alltags wirklich zu fühlen. Wenn das Türmchen umfällt oder der Papa keine Zeit zum Spielen hat, neigen wir oft dazu, das Ganze schnell weg- und kleinzureden («Ist doch nicht so schlimm!»). Aber genau hier liegt die Chance: Wenn wir die Grenze liebevoll aufzeigen und halten («Ja, es ist schade, dass der Turm kaputt ist») und das Kind dabei begleiten, finden die Gefühle ihren Weg zu den erlösenden Tränen der Vergeblichkeit. Je öfter ein Kind erfährt, dass Weinen und echte Tränen den Frust lösen, desto weniger muss es ihn «rauswüten».
Die «Mischschüssel» füttern: Das ist sozusagen der heilige Gral der Entwicklung: das Ausbalancieren widersprüchlicher Impulse. Ein kleines Kind kann oft nur ein Gefühl gleichzeitig fühlen – entweder die totale Wut ODER die Liebe zu dir. Wir unterstützen den Reifeprozess, bei dem das Gehirn lernt, zwei Impulse gleichzeitig zu halten: «Ich bin gerade uh-mega wütend auf Mami, ABER ich will sie nicht hauen, weil ich sie gärn habe.» Dieser Prozess braucht Jahre und eine sichere Bindung als Nährboden, damit diese «Mischschüssel» im Gehirn wachsen kann.
Vom Wissen zum Tun
Theoretisch klingt das alles wunderbar logisch. Aber ich weiss aus eigener Erfahrung als Mutter und aus unzähligen Coachings: In der Praxis, wenn die eigene Zündschnur auch schon kurz ist, ist das die Königsdisziplin.
Genau hier setzen wir in meinem Mini-Kurs „Wohin mit all deiner & meiner Wut?!?“ an. Wir vertiefen hasdas Wissen rund um die Vulkansausbrüche, Angriffsenergie und die alles entscheidende ‚Mischschüssel‘ im Gehirn. Und wir finden Wege, wie wir die Unreife unserer Kinder kompensieren können, ohne die Beziehung zu gefährden.
Wenn du Lust hast, die Ladung in deinem (Familien-)System besser zu verstehen und bindungsbasiert zu begleiten, findest du hier alle Infos:
Lass uns die Wut nicht länger als Feind sehen, sondern als Wegweiser zu einer tieferen Verbindung.