Nerviges Teenie-Verhalten? - Alles eine Frage des Blickwinkels!
Drei Beispiele und Anregungen für einen Perspektivenwechsel für alle, die Teenies durch die Stürme der Adoleszenz begleiten
Knallende Türen, rollende Augen, abschätzige Blicke oder eisiges Schweigen: Das Verhaltens-Repertoire von Teenies ist oft provozierend und energieraubend – und nicht selten drücken sie damit auch unsere Knöpfe und bringen uns an unsere Grenzen (und darüber hinaus).
Zumindest mir ginge es so, wenn ich das Verhalten meiner Teenies nicht lesen gelernt hätte. Und wenn ich hinter den Provokationen, der Kratzbürstigkeit oder den üblen Launen nicht Entwicklungsschritte und innere Turbulenzen und Kämpfe sehen könnte.
Wenn ich mir vorstelle, dass da immer noch die Stimmen der Erwachsenen meiner Kindheit in mir raunen, Druck ausüben und mich in einen Notfall-Modus versetzen würden – ich glaube, ich wäre einem Burnout nahe, oder hätte meine Kinder innerlich längst losgelassen.
Denn wenn ich diesen Stimmen, die mich prägten, immer noch meine Wahrnehmung und meine Gedanken überlassen würde, klänge das des Öftern so in mir:
«Sie macht das absichtlich, um mich zu ärgern!»
«Ich weiss, dass er’s eigentlich besser weiss! Dass er’s nicht macht, beweisst doch nur, dass faul oder egoistisch ist!»
«Sie beleidigt mich und fordert 5 Minuten später wieder meine Hilfe ein! Das geht doch nicht! So lasse ich mich nicht behandeln, das lass ich nicht durchgehen!»
Die Frage ist, was du siehst!
Wer auf Teenies durch die bindungsbasierte Brille schaut, sieht hinter ihrem Verhalten oft etwas ganz anderes als einen persönlichen Angriff oder eine Provokation. Denn wie Jean Piaget es formulierte:
„Sehen verändert unser Wissen,
Wissen verändert unser Sehen.»
Wenn wir verstehen, was im Inneren – im Herzen und im Gehirn - unserer Teenies abgeht (Wissen), dann können wir das alltägliche Chaos mit mehr Gelassenheit betrachten (Sehen) – und auch entsprechend reagieren.
Hier ein paar Beispiele für den Fall, dass auch in dir alte Programmierungen schlummern:
«Sie macht das absichtlich, um mich zu ärgern!»
Es wäre ja schön, wenn Teenie-Verhalten immer so bewusst geschehen würde. Und wenn wir immer im Zentrum ihrer Welt stehen würden ;o) - Aber weit gefehlt! Ganz oft sind unsere Teenies emotional getriggert & hormonell gesteuert. Sie «wissen» also wirklich nicht, was sie tun – oder sie wissen es erst im Nachhinein, wenn die Emotionen abgeflaut sind und der Hormonschub abgeklungen ist!
Kommt dazu, dass ihr präfrontaler Kortex, also die Region hinter der Stirn, wegen Umbaus die meiste Zeit geschlossen ist – und somit stehen Teenies auch kognitive Funktionen wie Impulskontrolle, Emotionsregulation, Planung oder soziales Verhalten nicht immer zur Verfügung.
Und yup, es ist tatsächlich so, dass die Gedanken unserer Teenies nicht dauern um uns oder um das Zusammenleben in der Familie kreisen. Familiäre Anforderungen, Wünsche, Strukturen oder Regeln rücken bei Teenies schnell mal in den Hintergrund. Sobald du erkennst, dass und warum dieser Lebensabschnitt der intensivste, alarmierendste und verwirrendste ihres bisherigen Lebens ist, weisst du auch, warum das so ist.
Und noch was: Ja, es ist schon möglich, dass Teenies ihren Frust oder Alarm bei uns abladen. Aber das hat weniger damit zu tun, dass sie uns absichtlich schaden, ärgern oder verletzen wollen. Vielmehr ist das ihrer Unreife geschuldet: Denn ganz offensichtlich stehen ihnen die natürlichen Wege, um mit Frustration oder Alarm umzugehen, in dem Moment (oder grundsätzlich?) nicht zur Verfügung. Die Frustration, die sie gerade erleben, ist zu gross, als dass sie reif damit umgehen könnten.
Und: Frag dich mal, ob du das alles weniger als Provokation und viel mehr als Kompliment auffassen könntest? – Kompliment?!? Ja, du hast richtig gelesen! Vielleicht müsste ich anfügend «ein sehr schwer wertzuschätzendes» Kompliment. Aber vielleicht ist es wirklich so, dass sich dein Teenie bei dir nur deshalb so gehen lässt, weil er sich bei dir sicher fühlt…?
Der Perspektiven-Wechsel könnte also so aussehen:
“Mein Kind ärgert mich nicht absichtlich, es ist nur gerade gefordert oder gar überfordert mit seinem Innenleben. Was treibt es innerlich um und an? Und wie könnte ich es unterstützen?”
«Ich weiss, dass er’s eigentlich besser weiss! Dass er’s nicht macht, beweisst doch nur, dass er faul oder egoistisch ist!
Diesen Satz durfte ich als echten Fehlschluss enttarnen! Denn wie oft wissen wir Menschen Dinge besser und handeln dann doch nicht vernünftig…? Denk nur mal an Schokolade, Alkohol oder an deine Bildschirmzeit.
Wissen ist das eine, Wissen umsetzen können, das andere. Und das klappt bei unseren Teenies nicht immer gleich gut – vor allem, wenn Emotionen im Spiel sind. Dann zeigt sich wieder ganz deutlich, dass sich das Gehirn unserer Teenies am Entwickeln ist (und wegen Umbaus kurzzeitig geschlossen). Emotionen oder Impulse können nur noch schwer gemischt werden und booten Vernunft, besseres Wissen oder auch gute Absichten aus.
Der Perspektiven-Wechsel könnte also so aussehen:
“Mein Kind macht gerade, was es kann. Es jetzt auf seine Unzulänglichkeit hinzuweisen, bringt nur dann etwas, wenn es auch offen ist für Kritik. Sonst geht der Schuss hinten hinaus und schmälert die Chance, dass es zu einem späteren Zeitpunkt hinschaut.”
In solchen Situationen gelassen zu bleiben, fällt mir einfacher, wenn ich mir eine «note to self» (gedankliche Notiz für mich) mache: Ich nehme mir vor, den Vorfall zu einem späteren Zeitpunkt nochmals anzusprechen. So weiss ich, dass ich meinem «Erziehungsauftrag» nachkomme und sicherstelle, dass mein Kind weiss, wie man sich sozial/eigenverantwortlich/höflich etc. verhält. – Ganz oft lasse ich solche Situationen aber auch einfach vorbei ziehen, weil ich weiss, dass mein Kind es schon besser weiss ;o)
«Sie beleidigt mich und fordert 5 Minuten später wieder meine Hilfe ein! Das geht doch nicht! So lasse ich mich nicht behandeln, das lass ich ihr nicht durchgehen!»
Seit ich erkennen durfte, dass sich die Adoleszenz wie eine Brücke aufspannt zwischen der Kindheit und dem Erwachsen-Sein, ist mir auch klar geworden, dass die Pubertät kein eigenständiger Lebensabschnitt ist. Sie ist vielmehr ein Hin- und Her zwischen Noch-Kind-Sein und Schon-Erwachsen-Sein. Und dieses Hin- und Her-Springen kann manchmal innerhalb von Minuten geschehen: Dasselbe Kind, das eine Situation eben noch selbständig & reif gemeistert hat, ist im Handumdrehen wieder klein und bedürftig oder völlig blockiert und überfordert. Das ist es, was den Umgang mit Teenies so herausfordernd macht – weil wir nie wissen, wo auf der Brücke sie sich gerade in dem Moment befinden.
Es ist dieses Wissen, das mich verstehen lässt, warum mein Teenie meine Hilfestellung oder mein Mitdenken im einen Moment als völlig deplatziert empfindet, also irgendwo zwischen «Ach, Mama, das weiss ich schon, ich brauch dich nicht» und «Pah, was verstehst du denn schon davon? Lass mich, ich kann das selbst». Nur um dann ein paar Minuten später bei einem anderen Thema wieder voll im Kind-Modus auf meine Unterstützung und mein Verständnis zu zählen.
Der Perspektiven-Wechsel könnte also so aussehen:
“Mein Kind ist grad überfordert mit sich selbst. Es geht nicht um mich, sondern darum, wie es sich selbst in der Welt wahrnimmt. Und es muss doch immer wieder frustrierend sein, zu erkennen, dass man doch noch nicht so selbständig ist, wie gedacht und dass mit Autonomie auch Verantwortung einher geht…*
Dieses Hin- und Her ist anstrengend – nicht nur für mich.
Ich lass die Situation vorübergehen und stelle sicher, dass wir heute Abend wieder miteinander connecten können. Und wenn es mich dann noch beschäftigt, spreche ich es in einem Zustand aktivierter Bindung an.
Du siehst: Teenies lassen sich durchaus verstehen - und zwar von innen heraus.
Wenn uns das gelingt, wird die Pubertät unserer Kinder stärkend für alle Beteiligten. Sie bleibt eine intensive Phase, die uns braucht, aber aus der richtigen Perspektive wird sie nicht primär anstrengend und erschöpfend, sondern vor allem magisch und nährend.
Wenn du dir noch mehr Hintergrundwissen und ganz viel Praxisbezug wünschst: Momentan läuft mein Intensiv-Kurs “Teenager verstehen”:
Ich würde mich freuen, dich dort begrüssen zu dürfen,