Das «Ups» kommt noch
«Ich kann das einfach nicht!» – Oder: Wie ein bisschen Spiel Kinder durch den unbequemen Raum des Noch-nicht-Könnens begleitet
«Ich kann das nicht.»
Dieser Satz ist grad in meinem Jahreskurs aufgetaucht. Genauer: Die Frage, was eigentlich dahinterstecken kann, wenn Kinder überzeugt sind, etwas einfach nicht zu können – und wie wir sie darin begleiten können.
Dabei musste ich an meine jüngste Tochter denken.
Sie konnte diesen Satz eine Zeit lang mit beeindruckender Überzeugung sagen:
«Ich kann das nicht.»
«Ich kann das einfach nicht.»
«Ich werde das NIE können.»
Punkt.
Wer mit älteren Geschwistern aufwächst, hat jeden Tag Anschauungsmaterial dafür, was man alles noch nicht kann. Fahrrad fahren, klettern, lesen, schreiben… – die Grossen machen es einfach vor.
Und manches davon wollte meine Tochter am liebsten auch schon können.
Genau da wurde es schwierig.
Denn kein Kind kommt auf die Welt und kann Fahrrad fahren, Geige spielen oder einen Purzelbaum. Zwischen «Ich will das können» und «Ich kann das schon» liegt dieser ziemlich unbequeme Raum des Probierens, Scheiterns und Wieder-Versuchens.
Und bei manchen Themen mochte sie diesen Zwischenraum gar nicht.
«Ich kann das nicht» war dann ihre Antwort.
Wenn «Ich kann nicht» schützt
Bei meiner Tochter war dieses «Ich kann das nicht» oft weniger eine Aussage über ihre Fähigkeiten als eine Art Schutz.
Denn wenn ich etwas grundsätzlich nicht kann, muss ich es auch nicht probieren. Dann muss ich nicht erleben, dass es noch nicht klappt. Muss nicht immer wieder probieren. Und vor allem muss ich dieses unangenehme Gefühl nicht aushalten, noch nicht dort zu sein, wo ich gerne wäre – und wo meine Geschwister bereits sind.
«Ich kann das nicht» machte aus einem vorübergehenden Noch-nicht-Können etwas Endgültiges.
Und irgendwie erscheint das leichter.
Ob hinter diesem Satz bei Kindern immer so etwas steckt? Sicher nicht. Aber bei meiner Tochter konnten wir dieses Muster über längere Zeit ziemlich deutlich beobachten.
Und dann kam das «Ups»
Fahrradfahren hatte sie nach Jahren auf dem Like-a-Bike schnell gelernt. Aber irgendwann wollte sie während des Fahrens eine Hand vom Lenker nehmen. So wie wir Grossen: Hand raus, Zeichen geben, abbiegen.
Wir waren gemeinsam unterwegs auf einer Nebenstrasse, als das «Ich kann das nicht» kam. «Ich KANN das einfach nicht!»
Und dann, mitten in einem weiteren sehr überzeugten «Ich kann das nicht» …
… nahm sie die Hand vom Lenker. Für ein oder zwei Sekunden nur, aber die Hand war oben.
Wir hielten an. Ich schaute sie an. Sie schaute mich an. Und wir mussten beide lachen. Und ich spielte ihre Rolle nach:
«Ich kann das nicht, ich kann das nicht – UPS, ich habs grad gemacht!»
Das «Ups» war geboren. Und dieses kleine Schauspiel wurde von da an zu unserem Running Gag.
Wir warten aufs «Ups»
Seither gehört es zu unserer Sprache.
Wenn sie wieder überzeugt ist, dass sie etwas nicht kann, muss ich ihr nicht erklären, dass sie es sehr wohl kann. Ich muss sie nicht überzeugen. Und ich muss ihr auch kein «Du musst einfach an dich glauben!» entgegenhalten.
Manchmal grinse ich nur und sage: «Aha. Dann warten wir mal aufs Ups.»
Oder: «Das ist wohl eines von denen, bei denen das Ups ein bisschen länger braucht.»
Damit ist das Nicht-Können nicht weg. Aber es wird leichter. Aus einem endgültigen «Ich kann das nicht» wird etwas Bewegliches. Etwas, das heute noch nicht geht und morgen plötzlich – ups – doch.
Und genau das mag ich daran.
Denn Wachsen und Lernen bedeutet zwangsläufig, immer wieder an Orte zu kommen, an denen wir etwas noch nicht können.
Wir können – und müssen – Kinder nicht vor diesem Gefühl bewahren. Im Gegenteil. Das Probieren, Scheitern und Wieder-Versuchen gehört dazu.
Was wir tun können: ihre Herzen weich halten für diese Erfahrungen. Ihnen helfen, die Frustration des Noch-nicht-Könnens zu fühlen – und trotzdem wieder einen neuen Versuch zu wagen.
Dafür braucht es nicht immer Argumente, Überzeugungsarbeit und ganz sicher keinen Druck.
Manchmal hilft ein Augenzwinkern.
Ein bisschen Spiel.
Und das Vertrauen darauf, dass das nächste «Ups» schon irgendwo unterwegs ist.
herzlich,
Simona
PS: Solche Fragen beschäftigen uns in meinen Kursen immer wieder: Was steckt hinter dem, was unsere Kinder zeigen – und was hilft ihnen wirklich?
Im Jahreskurs «Kinder mit ganzem Herzen begleiten» schauen wir mit der bindungsbasierten Brille auf Entwicklung und Familienalltag. Im Intensivkurs «Lernen begleiten» geht es speziell ums natürliche Lernen – mit einer eigenen Wegbegleitung für Homeschooling-Familien. 🌿
Bild: ChatGPT