Die Dürre, die Hitze und ich

Was wir ändern können – und was uns verändert. Oder: Bindungsbasiertes Wissen über Alarm mitten aus dem Leben.

Mitte Juni fand ich die Hitze und die Trockenheit noch grossartig. Wir waren am Heuen – und wer Heu zu Ballen pressen möchte, ist auf vier oder fünf heisse und trockene Tage angewiesen.

Damals freuten wir uns über den wolkenlosen Himmel – und darauf, einen Teil des Winterfutters für unsere Lamas und Alpakas einfahren zu können.

Damals wusste ich noch nicht, dass der Himmel so bleiben würde.

Wenn der Regen nicht mehr kommt und die Hitze nicht mehr weicht

Seit mehr als zwei Monaten sind die frühen Morgen- und späten Abendstunden die einzigen Zeiten, in denen sich draussen einigermassen angenehm arbeiten lässt. Auch die Runden mit unseren Tieren haben wir längst in diese Randstunden verlegt. Und vor allem hat es bei uns kaum geregnet. Eigentlich gar nicht – die wenigen Gewitter zogen zuverlässig an uns vorbei.

Unsere Weiden – alles steile Südhänge - sind braun und verdorrt, das Gras wächst längst nicht mehr. Unsere Lamas und Alpakas haben keinen Weidegang mehr und wir müssen sie füttern wie im Winter, wenn Schnee liegt - mit dem Heu, das eigentlich für den Winter gedacht wäre.

Unsere eigene Quelle auf dem Hof führt immer weniger Wasser. Und im Wald passiert etwas, das ich so noch nie gesehen habe: Von den grossen Buchen brechen riesige Äste ab. Nicht bei Sturm. Einfach so, während wir am Mittagstisch sitzen.

Es ist schon viel zu lange viel zu trocken und viel zu heiss.

Und ich merke: Das macht etwas mit mir.

Eine Gewissheit bricht weg

Ich bin mit einer für hiesige Breitengrade ziemlich selbstverständlichen Vorstellung von Wetter aufgewachsen: Regen und Sonne wechseln sich ab. Manchmal regnet es lange - und dann kommt wieder die Sonne. Manchmal ist es heiss und trocken - und irgendwann kommt ein Gewitter.

Natürlich weiss ich, dass das Klima sich verändert. Das ist keine neue Erkenntnis dieses Sommers. Ich habe mich schon im Studium damit beschäftigt: Dass wir weit über unsere Ressourcen leben und damit die natürlichen Systeme verändern, von denen wir abhängig sind.

Und trotzdem ist Wissen etwas anderes als unmittelbares Erleben.

Irgendwo tief in mir sass offenbar eine Gewissheit, die von all diesem Wissen ziemlich unbeeindruckt geblieben ist:

Es wechselt wieder.

Und genau diese Gewissheit hat diesen Sommer zu bröckeln begonnen und ist mittlerweile verdampft.

Wie oft habe ich gedacht: Noch eine Woche, dann muss der Spuk zu Ende sein…? Das erste Mal wohl zu Beginn der Sommerferien. Und seither… denk ich schon gar nicht mehr so weit.

Ich schaue immer noch auf den Wetterbericht und hoffe auf Regen. Und manchmal tauchen tatsächlich kleine blaue Tropfen am Ende der 5-Tage-Prognose auf – nur um zwei Tage später wieder zu verschwinden. So wie dieses Wochenende.

Aber ich glaube, da gerät gerade noch eine tiefere Gewissheit ins Wanken.

Die Natur war für mich immer ein verlässlicher Ort.

Wenn mir die menschliche Welt zu laut wurde, zu hektisch, zu widersprüchlich oder manchmal auch schlicht zu verrückt, konnte ich rausgehen. Durchatmen. Mich mit etwas verbinden, das grösser ist als all unser menschlicher Trubel.

Ich liebe die Rhythmen der Natur. Nicht nur den Wechsel von Regen und Sonne. Die Jahreszeiten. Das Licht, das kommt und geht. Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen. Das Werden und Vergehen. Diese grossen Zyklen, die sich nicht um unsere Termine, Krisen und Befindlichkeiten kümmern.

Sie erinnern mich daran, dass wir nicht neben der Natur leben. Wir sind Teil von ihr. Teil dieses grossen lebendigen Wesens Erde.

Das gibt mir Halt. Ich kann mich darin verankern, auftanken, mich aufgehoben fühlen. Nicht, weil die Natur immer friedlich oder unveränderlich wäre. Das ist sie nicht. Sondern weil ich ein tiefes Vertrauen in diese Rhythmen und in ihre Regenerationskraft habe.

Und nun sehe ich unsere verdorrten Weiden. Die Buchen, die mitten im Sommer riesige Äste abwerfen. Unsere Quelle, die immer weniger Wasser führt.

Die Natur ist noch immer mein Anker. Aber zum ersten Mal erlebe ich so unmittelbar, dass auch dieser Anker nicht unerschütterlich ist.

Vielleicht ist es genau das, was mich an diesem Sommer so tief trifft.

Nicht «nur» der fehlende Regen. Nicht «nur» die Hitze.

Sondern die Erfahrung, dass etwas, das mich mein Leben lang getragen hat, selbst verletzlich ist.

Und ja: Das alarmiert mich.

Alarm ist nicht das Problem

Statt zu versuchen, diesen Alarm möglichst schnell wieder loszuwerden, versuche ich, ihm zuzuhören. Auch gerade jetzt, während ich diese Zeilen schreibe.

Denn: «Alarm ist nicht das Problem» – das kommt in fast all meinen Kursen vor.

Unser Alarmsystem schrillt nicht ohne Grund, sondern hat eine Aufgabe: Mich zur Vorsicht mahnen und mir verklickern: Pass auf! Da ist etwas.

Und: JA! Da ist ja etwas!

Bei uns auf dem Hof ganz unmittelbar: Unsere Quelle führt weniger Wasser, das Winterfutter fehlt und eine weitere Heuernte wird immer unwahrscheinlicher. Die Wiesen verdorren, der Wald und die Bäume leiden. Der Grundwasserpegel sinkt.

Und gleichzeitig weiss ich, dass das, was ich hier vor meiner Haustür erlebe, nicht für sich allein steht.

Da ist all das Wissen aus meinem Studium. Über die Veränderungen im Klima. Über El Niño. Über Zusammenhänge, die weit über unseren kleinen Hof hinausreichen. Ich kenne das alles.

Und niemand weiss, ob dieser Sommer eine Ausnahme ist und welche Auswirkungen er längerfristig haben wird – hier bei uns, in der Schweiz, in Westeuropa. Und in einer Welt, die eh aus den Fugen geraten scheint.

Mein Alarm hat also einen Grund.

Ich muss ihn nicht beruhigen, indem ich mir sage, dass bestimmt alles wieder gut wird. Ich kann ihm erst einmal zuhören – auch wenn ich jedes Mal, wenn ich das mache, merke, wie unfassbar gross das Ganze ist.

Was kann ich tun – und was nicht?

Unser Alarmsystem will uns bewegen. Und dort, wo ich etwas verändern kann, ist das hilfreich.

Wir verändern unseren Tagesrhythmus. Wir gehen anders mit Wasser um. Wir organisieren Futter – so wie wohl alle (Hobby-)Bauern in der Schweiz. Wir überlegen, welche Bäume wir pflanzen und wie wir unser Land auf trockene Sommer vorbereiten können.

Das löst das grundlegende Problem der Dürre nicht. Aber es gibt meinem Alarm eine Richtung: Was kann ich hier und heute tatsächlich tun?

Und dann gibt es das andere: Das, wo ich machtlos bin.

Ich kann keinen Regen machen. Ich kann die Temperaturen nicht senken.

Und es tut weh. Der Anblick unserer verdorrten Weiden schmerzt mich mittlerweile richtig. Wenn mir ein Foto vom Juni begegnet, auf dem rund um unseren Hof noch alles sattgrün ist, gibt mir das einen Stich ins Herz.

Noch vor wenigen Wochen war das selbstverständlich. Jetzt sehe ich dasselbe Bild und merke, dass ich etwas vermisse, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich es einmal vermissen könnte: grünes Gras.

Solange etwas veränderbar ist, kann mich mein Alarm ins Handeln bringen. Aber was geschieht mit all der Alarm-Energie, wenn es nichts mehr zu tun gibt?

Dann ist «Adaption» gefragt: der Vergeblichkeit in die Augen schauen. Wirklich fühlen, dass etwas nicht so ist, wie ich es mir wünsche – und dass ich es nicht ändern kann.

Das ist etwas anderes als Aufgeben oder Resignieren.

Wenn sich die Umstände nicht verändern lassen, müssen wir uns an ihnen verändern können.

Und genau dafür brauchen wir unsere Gefühle. Die Traurigkeit. Die Enttäuschung. Die Tränen. Sie helfen uns, bei etwas anzukommen, gegen das wir vorher noch innerlich angekämpft haben.

Die Dürre wird dadurch nicht weniger trocken. Die Quelle führt nicht plötzlich wieder mehr Wasser.

Aber mein inneres Anrennen gegen das, was ich nicht ändern kann, kann weicher werden.

Ich kann aufhören, innerlich darauf zu bestehen, dass es anders sein müsste. Nicht weil es mir gefällt. Sondern weil ich anerkennen kann, was ich nicht ändern kann.

Und damit wird Energie frei für das, was doch noch möglich ist.

Und trotzdem dem Leben zugewandt

Denn da gibt es auch noch eine dritte Bewegung in mir: Mut.

Nicht den Mut, mir einzureden, dass schon alles gut kommen wird. Sondern den Mut, hinzuschauen – und mich dem Leben trotzdem wieder zuzuwenden.

Ich kann mir Sorgen um diesen Sommer machen und nachts trotzdem unter seinem Sternenhimmel liegen und ihn wunderschön finden.

Und wie wunderschön er ist!

Seit mehr als zwei Monaten schlafe ich draussen. Bis auf drei Nächte habe ich mein Bett diesen Sommer nicht gesehen. Ich gehe mit der Sonne ins Bett, liege unter freiem Himmel und zähle – gerade in den letzten Nächten – die Sternschnuppen.

Für mich ist das ein absoluter Traum. Etwas, das mich innerlich unglaublich nährt. Und etwas, das ich in dem Ausmass noch nie erlebt habe.

Und gleichzeitig wünsche ich mir so sehr, dass es endlich regnet.

Beides darf wahr sein.

Wenn der Alarm sich eine andere Geschichte sucht

Noch etwas beobachte ich gerade an mir und an vielen Menschen in meinem Umfeld:

Wir können alarmiert sein, ohne genau zu wissen, was uns alarmiert.

Da ist Unruhe. Anspannung. Vielleicht dieses diffuse Gefühl: Irgendetwas stimmt nicht. – Und ja, wenn wir uns die Weltlage anschauen, dann stimmt da einiges im ganz grossen Massstab nicht.

Unser System alarmiert uns und unser Kopf sucht eine Erklärung. Dann ist es plötzlich der Anlass, für den frau noch keine passende Garderobe hat. Die Schulstunde, die noch nicht vorbereitet ist, eine Entscheidung, die noch nicht gefallen ist oder irgendeine Kleinigkeit, die an einem anderen Tag kaum Gewicht hätte.

Nicht, weil diese Dinge nichts bedeuten. Aber manchmal werden sie von unserem Alarm gekidnappt: Eine kleine Sorge wird zum Schauplatz für eine viel grössere Unruhe, die eigentlich ganz woanders herkommt.

Dieser Gedanke hilft mir gerade unglaublich.

Wenn ich merke, dass ich mich an etwas festbeisse, frage ich mich: Geht es wirklichdarum? - Oder trage ich gerade einfach viel Alarm in mir rum? - Wegen der Hitze. Der Trockenheit. Der Tiere. Der Quelle. Der Bäume. Wegen dieser schmerzhaften Erfahrung, dass etwas ins Wanken gerät, das sich für mich bisher immer verlässlich angefühlt hat.

Mein Alarm braucht keine Ersatzgeschichte, um seinen Job als Warner zu erfüllen.

Ich kann versuchen, ihn dort zu fühlen, wo er hingehört.

Und unsere Kinder?

Natürlich bekommen auch sie diesen Sommer mit.

Die Hitze, die ihre Spuren in strapazierten Nerven hinterlässt. Die verdorrten Weiden, auf denen die Tiere nichts mehr finden. Der Heuvorrat für den Winter, der immer kleiner wird. Und dass all unsere Nachbarn dasselbe Problem haben und Heu kaum noch zu kaufen ist. Auch wenn wir versuchen, vieles von ihnen fernzuhalten: Den latenten Alarm kriegen sie dennoch mit.

Dann brauchen sie uns.

Natürlich kann ich ihnen nicht vermitteln, dass das alles halb so schlimm ist. Und doch kann ich ihnen etwas von meiner eigenen Zuversicht mitgeben: dass ich darauf vertraue, dass auch das einen Sinn haben kann – selbst wenn ich ihn heute noch nicht verstehe.

Noch wichtiger ist aber, dass wir ihr Alarmsystem nicht mit unserem eigenen Alarm füttern.

Was sie brauchen, ist Orientierung und Sicherheit. Die Gewissheit, dass wir Eltern uns kümmern. Lösungen suchen für das fehlende Heu und die verdorrten Weiden.

Und vor allem hilft mir dieses Wissen auch, wenn ein Kind gereizter ist als sonst. Wenn Geschwister schneller aneinandergeraten, wenn eine Kleinigkeit plötzlich riesig, die Hitze unerträglich wird.

Vielleicht muss ich dann gar nicht so genau wissen, was gerade zu viel ist.

Es reicht manchmal zu verstehen: Da ist gerade viel Alarm im System.

Und dann ist meine Aufgabe nicht, jede Gereiztheit zu korrigieren oder jedes Problem zu lösen. Sondern möglichst der Mensch zu bleiben, bei dem nicht noch mehr Alarm dazukommt und dessen Nervensystem reguliert ist.

Und vielleicht ist es genau das, was mir dieses Wissen gerade selbst gibt.

Es macht die Dürre nicht weniger bedrohlich und nimmt mir meinen Alarm nicht ab.Aber ich verstehe besser, was in mir geschieht.

Ich kann bewusster unterscheiden: Wo kann und will mich mein Alarm ins Handeln bringen? Wo stosse ich an etwas, das ich nicht verändern kann? Wo braucht es Traurigkeit statt noch mehr Aktion? Und wann heftet sich mein Alarm vielleicht gerade an etwas, das gar nicht seine eigentliche Ursache ist?

Das macht es nicht unbedingt einfacher. Aber es hilft mir, klarer damit umzugehen.

Und ich?

Ich werde heute Abend wieder draussen schlafen.

Unter diesem unglaublichen Sternenhimmel, den uns ausgerechnet dieser viel zu trockene Sommer seit Wochen schenkt.

Und wahrscheinlich werde ich vor dem Einschlafen noch einmal nachschauen, ob endlich irgendwo Regen angekündigt ist.

Ich wünsche mir Regen. Sehr.
Und ich liebe diese Nächte.

Beides ist wahr.

Herzlich,
Simona




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Ein Wissen, das nicht aus Büchern kommt