Wenn ich noch einmal eine Schule gründen würde

Warum Begriffe wie „frei“ oder „selbstbestimmt“ nicht reichen – und was Lernen wirklich trägt

Es ist einige Jahre her, dass ich gemeinsam mit zwei Frauen eine Schule gegründet habe. Eine selbstbestimmte, soziokratische Schule.

Eine intensive Zeit. Bewegend. Herausfordernd. Und rückblickend: unglaublich lehrreich.

Eine dieser Erfahrungen möchte ich hier teilen:

Wir waren damals getragen von einer starken Sehnsucht: nach mehr Freiheit, mehr Individualität, mehr Menschlichkeit – nach einem Lernen, das sich wieder mehr an dem orientiert, was Kinder wirklich brauchen. Dafür brannten wir und investierten unzählige Stunden.

Und gleichzeitig merke ich heute: Sehnsucht allein reicht noch nicht. Denn so klar unser Wunsch nach einem anderen Lernen war,
so unklar war damals noch, wofür wir eigentlich genau stehen.

Wir haben mit Begriffen gearbeitet wie „selbstbestimmt“, „frei“ oder „die Erwachsenen halten den Raum“. Begriffe, die sich gut anfühlen– aber nur dann tragen, wenn sie auch wirklich gefüllt sind.

Und genau das hat uns gefehlt: eine gemeinsame, tragende Definition.

Heute weiss ich:

Genau dort beginnt alles.

WAS UNS DAMALS GEFEHLT HAT

Als wir diese Schule gegründet haben, war ich noch nicht da, wo ich heute stehe.

Ich stand am Anfang meiner Selbständigkeit, ohne den Erfahrungsschatz, der heute da ist. Kein gewachsenes Feld aus Coaching-Erfahrungen, kein Netzwerk, keine Podcastfolgen, keine Kurse, in denen sich all das Wissen verdichten durfte.

Und vielleicht am wichtigsten:

Ich hatte noch keine klare Sprache, keine Konzepte und Bilder für das, was ich eigentlich gemeint habe. Und damit war ich nicht alleine.

Ja, da waren Begriffe wie „frei“, „selbstbestimmt“ oder „kindgerecht“. Doch sie blieben leer.

Nicht wirklich greifbar.
Nicht miteinander abgleichbar.
Nicht diskutierbar.

Und damit auch nicht:
füllbar.
fühlbar.

Und genau darin lag das Problem.

Denn wir als Gründerinnen füllten diese Begriffe – jede für sich – mit eigenen, noch unfertigen Vorstellungen.

Und auch die Familien, die dazukamen, brachten ihre eigenen Bilder mit.

So entstand ein Raum, in dem alle vom Gleichen sprachen – und doch etwas Unterschiedliches meinten.

Und damit waren die Stolpersteine fast vorbestimmt.

Heute sehe ich das auch in anderen Gründungsprozessen, die ich begleiten darf, wieder. Und jedes Mal berührt es mich – weil ich mich selbst darin erkenne:

Diese Sehnsucht nach einem anderen Lernen. Die Suche nach dem, was es konkret braucht, damit der neue Lernort und in ihm das Lernen zum Fliegen kommt.

Und genau hier würde ich heute anders ansetzen.

WO ICH HEUTE BEGINNEN WÜRDE

Wenn ich heute noch einmal eine Schule gründen würde, dann würde ich nicht bei der Form beginnen.

Nicht bei Strukturen.
Nicht bei Organisation.
Nicht bei Schulgeldern oder Leitbildern.

Ich würde bei etwas anderem beginnen:

Bei inhaltlicher Klarheit - getragen von einer gemeinsamen Sprache.

EIN KLARES PROFIL

Damals haben wir festgehalten, dass «die Erwachsenen eine wichtige Rolle spielen und den Raum halten». Und dass die «Kinder selbstbestimmt lernen dürfen“.

Heute weiss ich:
Das reicht nicht.

Begriffe wie „selbstbestimmt“, "frei" oder "Raum halten" sind schnell gesagt – aber sie tragen nur, wenn sie gefüllt sind.

Es ist klar: Ich würde heute auch Begriffe nehmen, um meiner Schule ein Profil zu geben, nämlich:

Wir lernen bindungsbasiert.
Wir lernen natürlich.

Aber ich würde das nicht nur benennen oder erklären,
sondern sichtbar, greifbar, erlebbar machen
.

Durch Beispiele.
Durch Bilder und Konzepte.
Durch eine gemeinsame Sprache.
Durch Workshops, Podcast-Folgen & Blog-Einträge.
Durch gemeinsame gestaltete Räume & Lernsequenzen.
Und durch eine Haltung, die von Anfang an spürbar ist

Und diesen Weg würde ich mit allen beteiligten Erwachsenen gehen:

  • Mit den Lernbegleiter:innen, die ich in ihrem eigenen Prozess eng begleiten würde.

  • Und mit den Eltern, die ich einladen würde, ihr Kind auf eine neue Weise zu sehen.

So könnten alle abgleichen, ob das, was an diesem Lernort entstehen darf, zu ihnen passt und von ihnen gelebt und gefühlt bzw. gefüllt werden will.

Denn wie wir Kinder sehen, verändert auch, wie wir ihr Lernen verstehen.

Und Lernen ist nichts, das wir aktiv erzeugen, herstellen oder gar erzwingen können. Lernen ist etwas, das gelingen darf.

Es geschieht ganz natürlich – wenn die Bedingungen stimmen.

Und genau hier liegt unsere Rolle als Erwachsene:

Nicht im Erzeugen.
Sondern im Ermöglichen.

Das ist alles, was wir tun können.
Und alles, was es braucht.

Kinder sind von Natur aus darauf angelegt zu lernen. Die Frage ist nur: Können sich diese Prozesse entfalten – oder werden sie blockiert?

Und das ist einer der Punkte, die ich damals noch nicht in der ganzen Tiefe & Tragweite verstanden hatte:

Der Motor des Lernens liegt nicht im Kopf.
Nicht in der Raumgestaltung.
Nicht in den Lernangeboten.
Nicht in den Materialien.

Sondern im Herzen.

Emotionen sind es, die Entwicklung in Bewegung bringen. Und wenn Kinder ihre Emotionen nicht fühlen können, dann bleibt Lernen an der Oberfläche.

Und genau hier wird es entscheidend, denn:

Fühlen braucht Sicherheit.


RAUMHALTEN IST BEZIEHUNGSSACHE

Es braucht Erwachsene, die nicht nur davon sprechen, dass sie den "Raum halten“– sondern verstehen, was das wirklich bedeutet.

Und die bereit sind, diesen Raum auch dann zu halten,
wenn es schwierig wird.
Wenn es persönlich wird.

Raum halten ist nichts Passives.
Kein Zurücklehnen.

Es ist Führung.

Es ist dieses „im Alpha sein“, von dem ich auch an anderer Stelle schreibe –
nicht als Macht über Kinder, sondern als Macht im Dienste des Kindes.

Ein Erwachsener im Alpha…

  • bleibt innerlich ruhig und zugewandt – auch dann, wenn das Kind es gerade nicht ist.

  • hält die Beziehung, statt sich in Machtkämpfe oder Rückzug zu verlieren.

  • sieht hinter die Kulissen das Verhaltens.

  • gibt Orientierung und Führung, ohne zu beschämen oder zu alarmieren.

  • stellt sich dem Kind zur Verfügung – als Gegenüber, an dem es sich ausrichten kann.

Es ist eine Form von Führung, die sich weniger in Handlungen als in der Haltung zeigt – und deshalb nicht sichtbar und schwer benennbar ist. Die Kindern erlaubt, sich anzulehnen. Zur Ruhe zu kommen. Sich zu zeigen – auch in ihrer Verletzlichkeit.

Eine Führung, die Kinder nährt und somit Ressourcen freisetzt fürs Forschen, Entdecken und Wachsen.

Eine Führung, die nicht laut ist, sondern durch Präsenz trägt.

Und genau dieser Raum
ist die Voraussetzung dafür,
dass Kinder ihre Emotionen fühlen können.

Und genau dort
beginnen die eigentlichen Lernprozesse.

Das hätte ich damals so noch nicht benennen können.
Heute würde ich es ins Zentrum stellen.


KLARHEIT SCHAFFT ORIENTIERUNG

Diese inhaltliche Klarheit wäre für mich heute das Herzstück eines neuen Lernortes.

Denn viele Eltern spüren sehr genau, was sie nicht mehr möchten:

kein Druck
keine Noten
keine starren Systeme

Und gleichzeitig fehlt oft das Bild davon, was stattdessen wirklich tragen kann.

Sie suchen.
Sie vergleichen.
Sie schnuppern.

Und gerade neue Lernorte können noch nicht über Jahre gewachsene Kultur vermitteln.

Umso wichtiger wird etwas anderes:

Ein Profil, das trägt.
Ehrlich.
Fundiert.
Spürbar.

WAS HEUTE ANDERS IST

Und hier liegt vielleicht der grösste Unterschied zu damals:

Heute gibt es all das, was ich mir rückblickend gewünscht hätte.

Eine Sprache.
Ein Verständnis.
Eine fundierte Grundlage.

Und vor allem:

Räume, in denen genau das gemeinsam erarbeitet werden kann.

WENN DU SELBST EINEN LERNORT AUFBAUEN MÖCHTEST

… oder davon träumst, einen zu gründen, dann würde ich heute nicht bei der Struktur beginnen.

Sondern hier:
Beim Verstehen von Lernen.
Beim Verstehen von Entwicklung.
Beim Verstehen von Bindung.

Denn daraus entsteht alles andere.

Wenn du dir dafür eine fundierte Basis wünschst, eine gemeinsame Sprache im Team und ein klares Profil, das nach aussen trägt, kann der Intensivkurs „Lernen begleiten“ in möglicher Ausgangspunkt sein.

Nicht als Konzept.
Sondern als Einladung, wirklich zu verstehen,
was Lernen von innen heraus bewegt.

Und vielleicht entsteht daraus genau das, was unsere Kinder heute brauchen:

Lernorte,
die nicht einfach anders oder alternativ sind.

Sondern stimmig.
Natürlich.
Und im Einklang mit der natürlichen Entwicklung

herzlich,
Simona


PS: Und vielleicht gehört auch das noch dazu:

Wenn ein Team diesen Weg gemeinsam geht, wenn dieses Verständnis von Lernen nicht nur gedacht, sondern gelebt wird, dann darf daraus auch etwas Sichtbares entstehen.

Ein Lernort, der klar nach aussen zeigt, wofür er steht.

Mit einem gemeinsamen Fundament. Mit einer gemeinsamen Sprache. Und mit einer Haltung, die trägt – auch im Alltag.

Genau dafür entsteht mein Netzwerk für bindungsbasiertes Lernen.

Ein Ort für Lernbegleiter:innen, Schulen und Lernorte, die diesen Weg nicht alleine gehen wollen. Ein Ort für Austausch, Vertiefung und gemeinsames Wachsen.

Und für Lernorte, die diesen Weg gegangen sind, besteht die Möglichkeit, dies auch sichtbar zu machen – durch ein gemeinsames Label, das für genau diese Haltung und dieses Verständnis steht.

Nicht als Auszeichnung. Sondern als Orientierung.

Für Eltern. Für Kinder. Und für alle, die auf der Suche sind nach Lernorten, die nicht nur anders klingen – sondern von innen heraus tragen.


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Warum unsere Kinder straucheln – Eine Spurensuche im Schatten globaler Krisen