Über Frustration, Stress und die Frage, wie wir wieder weich werden können.
Unser Bartolo, zehn Minuten nach dem Streit.
Ich liebe unsere Lamas und Alpakas. Wirklich.
Aber etwas gefällt mir an ihnen überhaupt nicht: Sie sind unglaublich schlecht darin, nach einem Streit wieder runterzukommen, vor allem unsere Lama-Boys.
Dabei kommunizieren Lamas untereinander ziemlich fein, mit den Ohren, der Haltung von Hals und Kopf, einer leichten Veränderung der Position im Raum oder mit einem feinen Aufblähen der Nüstern.
Ganz oft reicht das, um Konflikte zu vermeiden, aber bei unseren «Jungs» nicht immer – manchmal könnte man meinen, sie suchten das Gerangel geradezu!
Wenn die Spannung zu gross wird, dann fangen sie an zu gurgeln und greifen dann zu jener Kommunikationsform, für die sie weitherum bekannt sind:
Sie spucken.
Und nein, bei einem ernsthaften Lamastreit fliegt nicht einfach ein bisschen Speichel durch die Gegend. Da wird Mageninhalt hochgewürgt. Grün. Halbverdaut. Und so widerlich, wie es klingt – siehe Foto von Bartolo oben. 😅
Und mit einmal Spucken (pardon: Würgen) ist das Ganze nicht erledigt… Da kann hin und her gespuckt werden, bis der halbe Mageninhalt draussen ist. Aber ich möchte nicht davon erzählen, sondern vom Danach.
Wenn der Streit längst vorbei ist, seit Minuten keine Spucke mehr geflogen ist und die Lamas wieder mit manierlichem Abstand zueinander stehen – und aus meiner Sicht eigentlich alles geklärt sein müsste…
Dann erzählen ihre Körper noch lange eine andere Geschichte: Der Mund steht offen, die Mundwinkel sind nach hinten gezogen und rund, die Ohren noch nicht im Ruhemodus. Der ganze Ausdruck ist angespannt und ganz sinnbildlich hängt diese grüne Brühe noch im Maul. Auch ein Laie sieht dem Tier den ganzen Stress noch an.
Und jedes Mal denke ich: Gopf - das kennen wir doch auch.
Der Streit ist vorbei. Nur nicht in uns.
Es gab irgendeine Reibfläche zwischen unserem Kind und uns. Wir haben reagiert, vielleicht eine Grenze gesetzt und vielleicht sind wir auch lauter geworden, als wir wollten – das Kind und wir. Das muss nichts Grosses gewesen sein, aber manchmal sind es ja gerade die kleinen Dinge, die uns auf die Palme bringen.
Der Moment ist vorbei und zehn Minuten später kommt dieses Kind fröhlich um die Ecke und fragt uns irgendetwas völlig Belangloses. Als wäre nichts gewesen.
Und in uns meldet sich eine Stimme:
Ähm. Wie bitte?! Das war doch was…?!? 😅
Doch das Kind ist längst weitergezogen.
Wir hingegen stehen innerlich immer noch da wie eines unserer Lamas: Ohren hinten, Mund offen, grüne Pampe inklusive.
Na ja. Bildlich gesprochen.
Unsere Hündin kann das besser
Wenn ich in solchen Momenten ein tierisches Vorbild wählen dürfte, würde ich deshalb kein Lama nehmen, sondern unsere Hündin. Von ihr und vor allem von ihrem Vorgänger habe ich viel gelernt.
Auch unter Hunden gibt es Frustration, Spannungen, Grenzen, die übertreten werden und postwendende Korrekturen. Erst ganz sanft und nur für das geübte Auge ersichtlich – aber wenn nötig auch sehr deutlich kommuniziert: Bis hierhin und nicht weiter.
Und dann passiert etwas, das ich immer wieder faszinierend finde.
Ein erwachsener Hund korrigiert – vielleicht sogar überraschend laut und heftig – und dann… wechselt er die Energie im Handumdrehen in Entspannung. Oft ganz ohne Schütteln – so als sei es das Natürlichste der Welt.
Schwupps, das war’s. Die Situation ist beendet und mit ihr ist auch das Nervenkostüm wieder im entspannten Modus – und zwar auch dann, wenn es durchaus im Bereich des Möglichen liegt, dass dieselbe Korrektur in wenigen Augenblicken gleich wieder gebraucht wird, weil der Welpe gegenüber noch nichts kapiert hat.
Und wenn doch noch etwas im Körper steckt, haben Hunde die tollste Fähigkeit: Sich so richtig durchschütteln. Einmal ganz durch, von der Nasenspitze bis zum Schwanz.
Auch in der Hundeschule beobachte ich das immer wieder: Eine Situation kann durchaus intensiv sein. Und kurz darauf schnüffelt derselbe Hund wieder am Wegrand, nimmt Kontakt auf oder beschäftigt sich mit etwas völlig anderem.
Die Situation ist vorbei – und irgendwann darf auch die Energie wieder eine andere werden.
Das möchte ich können.
Frustration will irgendwohin
Nun sind wir Menschen keine Hunde. Und es wäre wohl etwas gar einfach, nach einem Familienstreit einmal kräftig den Kopf zu schütteln und zu erwarten, dass damit alles erledigt ist. Auch wenn ich immer wieder erfahre, wie hilfreich Schütteln ist.
Doch manchmal ist eben noch nicht alles erledigt.
Frustration ist eine gewaltige Energie.
Sie entsteht dort, wo etwas nicht so funktioniert, wie wir es wollen, wo wir an eine Grenze stossen, die sich nicht so einfach aus dem Weg räumen lässt.
Diese Energie verschwindet nicht einfach auf Kommando.
Aber manchmal braucht es erstaunlich wenig, damit wieder Bewegung hineinkommt: ein paar Schritte, ein tiefes Ausatmen, ein Lied. Und manchmal führt uns die Frustration an einen ganz anderen Ort – zur Traurigkeit, vielleicht sogar zu Tränen. Zum Loslassen.
Frustration sucht sich ihren Weg. Entweder können wir etwas verändern. Oder wir finden zur Traurigkeit und können loslassen. Und wenn beides nicht geht, kippt die Energie gern in den Angriff – nach aussen oder gegen uns selbst. Das gilt für uns. Und für unsere Kinder erst recht.
Es geht mir also nicht darum, unangenehme Gefühle möglichst schnell wegzuregulieren oder wegzudenken …
Nope, im Gegenteil. Nicht jede Anspannung lässt sich einfach abschütteln. Aber auch nicht jede Anspannung muss weiter genährt werden. Ich darf mich fragen:
Ist da tatsächlich noch etwas, das ins Bewusstsein genommen, gefühlt oder bewegt werden muss?
Oder ist die Situation längst vorbei – und ich halte ihre Energie einfach noch fest?
Ich finde diese Frage gar nicht so banal.
Denn manchmal halten wir erstaunlich lange an einer Energie fest.
Vielleicht weil unser Körper noch aufgewühlt ist.
Vielleicht weil wir innerlich weiterargumentieren.
Vielleicht weil wir möchten, dass das Gegenüber gefälligst noch ein bisschen merkt, dass wir sauer sind.
Oder weil wir insgeheim befürchten, unsere Grenze verliere an Bedeutung, sobald wir wieder freundlich sind.
Klar - und trotzdem vorbei
Dabei kann etwas klar gewesen sein und trotzdem vorbei sein.
Ich kann eine Grenze setzen, meinen Frust ausdrücken und kurz darauf wieder herzlich sein. Ich kann mich ärgern und danach mit meinem Kind lachen. Ja, ich kann etwas überhaupt nicht in Ordnung finden, ohne den Rest des Nachmittags in dieser Energie verbringen zu müssen.
Eine klare Grenze muss keine lange Geschichte werden.
Vom Lama lernen. Und vom Hund.
Von unseren Lamas lerne ich, wie sichtbar Stress werden kann – und wie lange die Energie einer Auseinandersetzung manchmal noch im Körper nachklingt, obwohl der eigentliche Anlass längst vorbei ist.
Und unsere Hündin erinnert mich daran, dass ich meine Energie auch wieder wechseln darf – meinem Kind und vor allem auch mir zuliebe. Wir müssen nicht in jeder Anspannung bleiben, nur weil sie einmal da war. Eine Grenze bleibt eine Grenze. Auch wenn ich längst wieder lächle.
Ich möchte beides können:
Fühlen, was gefühlt werden muss.
Und loslassen, was nicht mehr festgehalten werden muss.
Ich übe noch.
Herzlich
Simona
PS: Wenn du besser verstehen möchtest, warum Frustration bei Kindern (und bei uns) so oft in Aggression kippt – und was dann wirklich hilft: Genau darum geht es in meinem Mini-Kurs «Aggression verstehen».
PPS: Und so sieht unser Bartolo im entspannten Modus aus…