Der Mut, zu werden, wer ich bin

Über Teenager, Rüstungen und den leisen Mut, sich im Werden zu zeigen

«Der grösste Mutakt besteht darin,
das zu sein und zu tun, was man ist,
und das ist eine Angelegenheit von solcher Schwere,
dass sie dem Leben wie ein Fehdehandschuh ins Gesicht geschleudert werden muss.»


C. G. Jung (aus der englischen Fassung übersetzt)


Dieses Zitat ist mir in den letzten zwei Jahrzehnten mehrmals begegnet – unter anderem auch in einem Kurs von Gordon Neufeld – und ploppt seither immer mal wieder auf. Und jedes Mal nicke ich innerlich. Und mit zunehmendem Alter, so scheint mir, immer etwas mehr. Weil ich immer besser verstehe, wie viel Mut es tatsächlich braucht, zu tun und zu sein, wer und was ich bin.

Nicht das, was gut ankommt. Nicht das, was andere von mir erwarten. Und auch nicht das, was ich selbst glaubte, sein zu müssen.

Sondern immer mehr herauszufinden: Wer bin ich eigentlich? Was will da aus mir heraus gelebt werden?

Und dann den Mut aufzubringen, mich genau damit zu zeigen.

Nicht, dass ich am Ende dieses Prozesses angelangt wäre – ich stelle mich auf ein lebenslanges «Häuten» ein, auf ein lebenslanges Bewusster-Werden.

Aber ich stelle doch fest: Es fällt mir etwas einfacher, je älter ich werde. «Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert», witzle ich dann jeweils – und natürlich steckt ein Fünkchen Wahrheit darin.

Vor allem aber habe ich mittlerweile Übung in zweierlei: Zum einen kann ich mich selbst immer besser spüren (das war lange verschüttet in mir, überlagert von Verletzungen und Glaubenssätzen). Und zum anderen durfte ich Erfahrungen im Fehdehandschuh-Werfen sammeln – und erleben, dass es sich lohnt. Der Prozess ist anstrengend, aber dahinter wartet etwas, das für mich zu einem erfüllten Leben gehört wie die Luft zum Atmen: mein eigenes Leben zu leben – nicht das von anderen.

So simpel das klingt, so herausfordernd ist es immer wieder – im Kleinen und im Grossen.

Mit den Jahren darf aus dem Fehdehandschuh-Werfen immer mehr ein achtsames Hervortreten in die «Arena» werden, wie es Brené Brown so wunderbar formuliert*.


Sich zeigen, bevor man weiss, wer man wirklich ist

Für mich ist diese Arena leiser geworden. Für unsere Teenies ist sie es noch nicht.

Nicht zuletzt seit ich meine eigenen Kinder durch die Teeniejahre begleite, erkenne ich wieder mehr den Fehdehandschuh, die Schwere und die Wucht in Jungs Zitat: Es braucht eine grosse Energie, einen Akt von Mut und Trotz, sich in die Arena zu stellen, denn:

Unsere Teenies zeigen uns nichts Fertiges – sie zeigen uns eine Persönlichkeit im Werden.

  • Sie sprechen eine Meinung aus, die noch nicht wirklich gefestigt ist.

  • Sie vertreten Ideen oder Berufswünsche, von denen sie selbst noch nicht wissen, ob sie wirklich tragen.

  • Sie entwickeln sich mit solchen Siebenmeilenstiefeln, dass in einem halben Jahr vieles wieder anders aussieht: die Überzeugungen, der Kleiderstil, der Musikgeschmack.

  • Und im Rückblick staunen sie oft selbst, wie widersprüchlich das alles war.

In anderen Worten: Unsere Teenies stellen etwas Eigenes in die Arena, dessen Inneres noch ganz zart ist.

Und sie tun das im Wissen darum, dass auf den billigen Plätzen Zuschauer sitzen, die aus sicherer Entfernung und gerne auch aus digitaler Distanz alles gnadenlos kommentieren, kritisieren, abwerten und mit dem abgleichen, was im Mainstream gerade als hip, richtig oder erstrebenswert gilt.

Ein solches Hervortreten braucht Mut, viel Mut, denn es ist unglaublich verletzlich. Was gerade erst keimt, ist im Nu zertreten – oder verdorrt in der Glut erbarmungsloser Kritik.

Das Paradoxe

Gerade wer sich selbst gut spürt, braucht manchmal besonders viel Mut, sich wirklich zu zeigen – und tut das vielleicht nur zaghaft und in kleinen Schritten. Denn ein fühlendes Herz spürt auch, was Ablehnung, Spott oder Nichtverstandenwerden mit ihm machen können.

Und umgekehrt ist nicht jedes selbstbewusste «Ich bin halt so!» Ausdruck eines starken eigenen Selbst.

Gut möglich, dass wir dabei weniger den jungen Menschen selbst sehen als seine Panzerung.

Eine solche Rüstung kann erstaunlich klar und überzeugend wirken. Da sind eloquent vorgetragene Meinungen, unerschütterliche Überzeugungen, ein bestechender Mix aus Mimik und Gestik und ein Kleidungsstil, der die Zugehörigkeit zu einer Gruppe betont oder eine Rolle unterstreicht, mit der sich ein Teenager identifiziert.

Von aussen sieht das nach einem starken Ich aus. Doch wenn wir genauer hinschauen, erkennen wir: Dieses vermeintlich starke Ich schützt davor, das viel zartere Eigene darunter erforschen und zeigen zu müssen.

Eine Rolle lässt sich definieren und verteidigen, eine Überzeugung kann man stolz vor sich hertragen und hinter einem «So bin ich eben» kann man sich verschanzen.

Das eigene Teenie-Selbst dagegen ist noch viel weniger eindeutig. Es ist noch am Werden, es zweifelt, ist manchmal orientierungslos, ändert seine Meinung, probiert aus und verwirft wieder. Und ist genau deshalb so verletzlich.

Wir müssen schon achtsam hinschauen, um zu erkennen, ob wir gerade einem jungen Menschen begegnen, der immer mehr bei sich ankommt – oder einer Rüstung, hinter der sich ein konstruiertes Ich versteckt.

 

Die Arena, die wir bieten

Sich zeigen braucht ein Gegenüber, das liegt in der Natur der Sache. Und unsere Teenies brauchen in einem ersten Schritt vor allem wohlwollende und erwachsene – oder besser gesagt: reife – Gegenüber, bei denen das, was zum Vorschein kommt, sicher ist.

Gleichaltrige können das in der Regel nicht sein – nicht, weil sie böse wären, sondern weil sie selbst mitten im Werden stecken, ihr eigenes Zartes schützen müssen oder hinter ihrer Rüstung Verletzlichkeit nicht mehr wahrnehmen können – weder bei sich noch beim Gegenüber.

Wo Teenies sich vor allem an Gleichaltrigen orientieren, rücken die billigen Plätze der Arena plötzlich ganz nah an sie ran. Und dann ist die Rüstung keine Pose mehr, sondern Schutz, den sie zum Überleben brauchen.

Es ist unser Job und gleichsam ein Geschenk, dass wir unseren Teenies eine solch geschützte Arena bieten dürfen - einen Raum, in dem sie sich ausprobieren, sich selbst zuhören und sich zeigen dürfen, während sie erst noch herausfinden, wer sie eigentlich sind.

Und diese Arena bieten wir viel weniger in grossen Gesprächen als in tausend kleinen Momenten. In unserer Reaktion auf einen Satz am Esstisch. In der Rückfrage, die wir stellen, statt gleich eine Antwort zu geben. Darin, ob wir neugierig bleiben, wenn uns etwas fremd ist. Ob wir aushalten, dass unser Kind Dinge anders sieht als wir – oder noch schlimmer: noch nicht sieht. Obwohl wir es natürlich viel besser wissen.

Das wünsche ich mir für die Teenies dieser Zeit: Dass sie einen Ort haben, an dem sie landen dürfen, mit allem, was sie sind, und mit allem, was gerade ausgedrückt und ausprobiert werden möchte.

Ein leiserer Mut

Wenn ich auf unsere Teenies schaue, verstehe ich Jungs Satz heute etwas anders als noch vor zwanzig Jahren.

Vielleicht liegt der grosse Mut gar nicht darin, möglichst überzeugt den Fehdehandschuh zu werfen und kampfbereit in der Arena zu stehen. Das können Rüstungen nämlich ziemlich gut.

Vielleicht ist der grosse Mut ein leiser: die Rüstung ein Stück weit abzulegen und mit dem hervorzutreten, was darunter langsam Gestalt annimmt.

Und dieser Mut wächst dort, wo es sicher genug ist. Bei unseren Teenies – und bei uns selbst.

Zu werden, wer ich bin.

Herzlich,
Simona

 

PS: Du willst mehr erfahren? Zum Beispiel, wie wir einer Rüstung begegnen können, ohne sie anzugreifen und ohne uns davon verletzen zu lassen? Oder wie wir in Beziehung bleiben, auch wenn ein Sturm aufzieht? Darum geht es unter anderem in meinem Intensiv-Kurs «Teenager verstehen».


PS: Im deutschen Original ist übrigens von keinem Fehdehandschuh die Rede, sondern von der «kühnsten Tat des Lebens» und davon, dass es «ein Mutakt ist, dem Leben im Angesicht die Tatsache der Persönlichkeit entgegenzuschleudern». Der Handschuh kam erst mit der Übersetzung dazu – vielleicht habe ich ihn deshalb so lange wörtlich genommen.

 

* Brené Brown bezieht sich in «Verletzlichkeit macht stark» auf Theodore Roosevelts berühmte Rede: «Die Anerkennung gehört dem, der wirklich in der Arena ist …», und schreibt dazu: «Das ist Verletzlichkeit.» Mehr zu Brené Brown: https://brenebrown.com/

Bild: ChatGPT




Weiter
Weiter

Das «Ups» kommt noch