Ein Wissen, das nicht aus Büchern kommt
Was meine jüngste Tochter beim Himbeerpflücken wusste — Oder: Ein Text über das, was wirklich trägt.
„Die Natur ist der beste Ort zum Lernen, Mama.
Hier lernen wir alles, was wir brauchen: Die Faszination fürs Leben. Für die Natur. Dafür, wie alles zusammenhängt. Und dass wir nichts zerstören sollten, weil wir selbst ein Teil davon sind."
— meine jüngste Tochter, beim Himbeerpflücken
Ich habe lange nachgedacht, ob ich diesen Satz kommentieren soll.
Ich glaube, ich muss es nicht.
Er trägt sich selbst.
Was ich weiss: Dieser Moment hat mich an etwas erinnert, das ich seit einer Weile in mir trage — eine Überzeugung, die ich vor einigen Monaten aufgeschrieben habe, weil sie sich nicht wegdenken liess.
Es gibt ein Wissen, das nicht aus Büchern kommt.
Und auch nicht aus Bildschirmen.
Ein Wissen, das Kinder nur lernen, wenn sie oft genug barfuss durchs Leben gehen dürfen.
Wenn sie beobachten, wie sich der Himmel vor einem Gewitter verändert.
Wie ein Wald nach einem Regenschauer duftet.
Wie sich die Wiese am Morgen anhört.
Wie sich Stille anfühlt, wenn niemand sie sofort füllt.
Vielleicht brauchen Kinder nicht zuerst Zugang zur grossen weiten Welt.
Vielleicht brauchen sie zuerst eine Beziehung zu ihr.
Zu Dingen, die langsam sind.
Echt sind.
Und sich nicht beschleunigen lassen.
Denn irgendwo zwischen Pfützen, Himbeeren, Sternenhimmel und dem Sammeln kleiner Schätze passiert etwas, das man kaum messen kann:
Ein Kind beginnt, sich verbunden zu fühlen.
Nicht nur mit der Welt da draussen.
Auch mit sich selbst.
Ist nicht genau das eine der wichtigsten Wurzeln für alles, was später Halt geben soll?
Dass ein Mensch verinnerlicht hat wie sich echtes Leben anfühlt.
Und sich daran er-innern kann.
Damit er sich wiederfindet — immer wieder — in etwas, das älter ist als all das Blinken und Senden der grossen weiten Welt.
Etwas, das bleibt.