Was selbstbestimmtes Lernen wirklich bedeutet

Dem Selbst eine Stimme geben - Oder: Warum selbstbestimmt lernen nicht heisst, jedem Impuls zu folgen

Es gibt einen Satz, den ich in Gesprächen über selbstbestimmtes Lernen immer wieder höre:

«Aber wenn Kinder selbstbestimmt lernen dürfen, dann machen sie ja einfach nur das, worauf sie gerade in dem Moment Lust haben… »

Und ja – wenn wir Selbstbestimmung damit verwechseln, jedem momentanen Impuls nachzugeben, dann kann genau dieser Eindruck entstehen.

Und ehrlich gesagt: Grundsätzlich wäre es vielleicht gar nicht so schlimm, wenn Kinder vor allem dem folgen würden, worauf sie gerade Lust haben.
Lernen darf lebendig sein.
Lernen darf Freude machen.
Lernen darf von Begeisterung getragen sein.

Was in dieser Aussage aber oft mitschwingt, ist etwas anderes:

Die Sorge, dass Kinder dann nie lernen, an etwas dranzubleiben.
Dass sie Schwierigkeiten ausweichen.
Dass sie bei Widerstand sofort abspringen.
Dass sie nur noch den einfachen, lustvollen Weg wählen.
Und vor allem: Dass sie nicht aufs Leben vorbereitet sind.

Und das sind ernsthafte Anliegen.

Denn natürlich wünschen wir uns Kinder, die nicht beim ersten Widerstand zusammenbrechen, sondern mit dem Leben wachsen können.

Und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was selbstbestimmtes Lernen eigentlich bedeutet.

Denn je nachdem, wie wir "selbstbestimmt" auslegen, landen wir plötzlich in einem Alltag voller Diskussionen:

«Ich möchte jetzt Bildschirmzeit.»
«Ich mache heute keine Mathe.»
«Ich will jetzt ein Eis.»

Und genau hier beginnt die Unsicherheit vieler Erwachsener:

  • Wo endet echtes selbstbestimmtes Lernen – und wo beginnt blosses Sich-Treiben-Lassen von momentanen Impulsen?

  • Wie begleite ich ein Kind so, dass es seinem inneren Wesen folgen darf, gleichzeitig aber auch lernt, mit Frustration, Schwierigkeiten oder unbequemen Gefühlen umzugehen?

Denn echtes selbstbestimmtes Lernen hat nur bedingt damit zu tun, dass Kinder jederzeit tun dürfen, wonach ihnen gerade ist.

Selbstbestimmung beginnt viel tiefer.

Vielleicht steckt es sogar schon im Wort selbst:

Selbst-bestimmt.

Dem SELBST eine Stimme geben.
Dem SELBST Raum geben.
Dem SELBST Ausdruck ermöglichen.

Und genau deshalb reicht es nicht, einfach den momentanen Wünschen eines Kindes zu folgen.

Wir müssen sein Selbst kennenlernen. Und noch wichtiger: Auch unser Kind "muss" sein Selbst kennenlernen. Und entwickeln. Und schärfen.

Lernen ist ein Ausdruck des Selbst

Selbstbestimmtes Lernen entsteht nicht einfach dadurch, dass wir Kinder in Ruhe oder sich selbst über-lassen.

Es entsteht dort, wo ein Mensch innerlich beteiligt ist.

Wo etwas in ihm lebendig wird.
Wo Neugier erwacht.
Staunen.
Fragen.
Schöpferische Kraft.

Denn echtes Lernen wächst immer von innen heraus.

Und genau deshalb können wir Lernen nicht vom Kind trennen.

Wenn wir verstehen wollen, WIE ein Kind lernt, müssen wir zuerst verstehen, WER dieses Kind ist.

Was es bewegt.
Was es stresst.
Was es nährt.
Was es blockiert.
Was in ihm gerade reifen möchte.

Denn Lernen ist kein mechanischer Prozess.

Lernen ist zutiefst verbunden mit Ent-Wicklung und Ent-Faltung.

Das Selbst hinter den Kulissen des Verhaltens

Wenn wir nur an der Oberfläche bleiben, sehen wir vor allem Wünsche, Impulse, Widerstände oder Vermeidungsstrategien.

Aber Verhalten ist nur die Kulisse.

Spannend wird es dort, wo wir den Vorhang lüften und hinter all die Wünsche und Impulse blicken.

Denn nicht jeder Impuls ist Ausdruck des Selbst.

Ein Kind, das keine Lust auf Schreiben hat, ist nicht automatisch «frei lernend».
Ein Kind, das nur gamen möchte, folgt nicht zwingend seinem inneren Wesen.
Und ein Kind, das allem ausweicht, was anstrengend, herausfordernd oder verletzlich werden könnte, lernt nicht automatisch selbstbestimmt.

Denn hinter Verhalten liegt oft etwas ganz anderes. Vielleicht:

Erschöpfung, Unsicherheit, Angst zu versagen – oder ein Nervensystem im Stress.

Und genau hier beginnt unsere eigentliche Aufgabe als Lernbegleiter:innen:

Hinter die Kulissen zu schauen.

Denn selbstbestimmt lernen bedeutet nicht, jedem Impuls zu folgen.

Sondern dem Selbst eine Stimme zu geben
auch dort, wo es unter Verhalten, Widerstand oder Ablenkung verborgen liegt.

Wenn Lerner Kinder von sich selbst trennt

Manche Kinder verlieren sich in unseren Lernsettings.

Und das sehen wir heute unglaublich oft.

Kinder funktionieren.
Kinder leisten.
Kinder passen sich an.
Kinder konsumieren.
Kinder vergleichen sich.
Kinder werden von Reizen überflutet.

Aber innerlich verlieren dabei viele den Kontakt zu ihrem Selbst.

Und genau dort versiegt auch die natürliche Lernenergie.

Denn echtes Lernen braucht Verbindung.

Zu sich selbst.
Zu anderen Menschen.
Zur Welt.
Zu dem, was innerlich bedeutsam ist.

Am besten fassen können wir das, wenn wir zwei Pole aufspannen: 

  • Entweder werden Kinder und Lernprozesse stark von aussen gesteuert – durch Druck, Belohnung, Bewertungen und Erwartungen.

  • Oder die Erwachsenen ziehen sich komplett zurück und nennen alles Selbstbestimmung.

Beides greift zu kurz.

Denn Kinder brauchen weder Kontrolle noch Orientierungslosigkeit.

Sie brauchen Beziehung.
Bindung.
Sicherheit.
Und Erwachsene, die ihnen helfen, in Kontakt mit sich selbst zu bleiben.


Selbstbestimmtes Lernen braucht Orientierung

Das klingt im ersten Moment vielleicht widersprüchlich.

Aber Kinder können ihrem Selbst nur folgen, wenn genügend Sicherheit da ist.

Wenn ihr Nervensystem nicht permanent im Alarmzustand ist.
Wenn sie nicht ständig um Orientierung kämpfen müssen.
Wenn Bindung trägt und nährt.

Deshalb brauchen selbstbestimmt lernende Kinder präsente Erwachsene.

Nicht Erwachsene, die alles kontrollieren.
Sondern Erwachsene, die wahrnehmen können:

  • Ist mein Kind gerade wirklich im Lernen?

  • Oder ist es im Rückzug?

  • Ist das eine gesunde Pause?

  • Oder eine Ausweichbewegung?

  • Braucht es gerade Freiheit - oder Halt?

Denn manchmal bedeutet Lernen eben auch, durch etwas Schwieriges hindurch begleitet zu werden.

Nicht gedrängt.
Nicht beschämt.
Sondern liebevoll gehalten.


Das Selbst spricht oft leise

Die Schwierigkeit ist:
Das Selbst eines Kindes ist oft nicht die lauteste Stimme in einem Raum.

Ihre Impulse sind häufig viel lauter.
Ebenso ihr Gegenwille oder ihre Forderungen. 
Die Ablenkungen und Reize der digitalen Welt.
Die Dynamiken unter Gleichaltrigen.
Oder die Angst, etwas nicht zu können.

Das Selbst dagegen zeigt sich oft viel feiner.

Im echten Spiel.
In tiefer Vertiefung.
In Fragen.
Im Staunen.
In kreativen Prozessen.
In den Themen, zu denen ein Kind immer wieder zurückkehrt.
In Momenten echter Lebendigkeit.

Und nicht selten zeigt es sich auch mitten in einer Krise oder Lernblockade - nämlich dann, wenn es wächst.

Deshalb braucht selbstbestimmtes Lernen Erwachsene, die mit ganzem Herzen hinschauen können.

Die nicht nur Verhalten managen.
Sondern dem kindlichen Selbst helfen, sich immer mehr zu spüren.

Selbstbestimmtes Lernen heisst: Dem Selbst eine Stimme geben

Vielleicht ist genau das die eigentliche Bedeutung von selbstbestimmtem Lernen:

Nicht, dass Kinder einfach bestimmen.
Sondern dass ihr SELBST überhaupt eine Stimme bekommen darf.

Dass Lernen nicht von Druck, Angst, Anpassung oder blossem Funktionieren gesteuert wird.

Sondern von etwas Innerem.

Von echter Beteiligung.
Von Reifung.
Von Neugier.
Von innerem Wachstum.

Und genau dafür brauchen Kinder Erwachsene, die bereit sind, hinter die Kulissen zu schauen.

Die Entwicklung verstehen möchten. 
Die das Verhalten nicht mit dem Wesen verwechseln. 
Und die den Mut haben, Führung zu übernehmen, ohne das Kind zu überfahren.

Denn manchmal bedeutet echtes Begleiten eben auch, nicht jedem Impuls zu folgen – damit das eigentliche Selbst darunter hörbar werden kann.

“Read the need && take the lead”

Der Satz von Gordon Neufeld beschreibt das wunderschön:

Lies das Bedürfnis – und übernimm die Führung.

Es geht hier nicht um Kontrolle, nicht um Machtausübung, nicht um permanentes Eingreifen & Steuern.

Sondern um Verantwortung.

Für den Raum.
Für die Beziehung.
Für die Bedingungen, unter denen Lernen natürlich gelingen kann.

Denn echtes Lernen geschieht weder dort, wo wir Kinder formen, noch dort, wo wir Kinder mit ihrer Unreife allein lassen.

Es geschieht dort, wo ein Kind sich sicher genug fühlt, um immer mehr zu werden, wer es wirklich ist.

Und genau hier beginnt doch die eigentliche Kunst des Lernbegleitens:

Nicht einfach Wissen vermitteln.
Nicht Verhalten steuern.
Und auch nicht jedem Impuls folgen.

Sondern einem Kind dabei helfen, immer mehr mit sich selbst in Kontakt zu kommen.

So dass seine innere Stimme klar und kräftig werden kann.
Und es beginnt, sein ganz eigenes Lied in die Welt zu bringen

herzlich,
Simona


PS: Wenn dich das Thema bewegt und du tiefer einsteigen möchtest: Im Intensivkurs «Lernen begleiten» arbeiten wir genau daran – nicht mit Methoden und Rezepten, sondern mit echtem Verstehen.

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Das grosse Vergessen