Das grosse Vergessen

Wie wir vergessen konnten, wie verletzlich Kinderherzen sind – und wo bindungsbasierte Begleitung beginnt

Es gibt eine Erkenntnis, von der ich glaube, dass sie fast alles verändert.

Nicht nur, wie wir auf Kinder schauen.

Sondern auch, wie wir mit ihnen sprechen.
Wie wir sie führen.
Wie wir Grenzen setzen.
Wie wir ihre Tränen verstehen.
Wie wir ihre Wut einordnen.
Wie wir ihre Fehler begleiten.

Die Erkenntnis lautet:

Kinderherzen sind verletzlich.

Viel verletzlicher, als wir uns das im Alltag oft bewusst machen.

Und vielleicht zeigt gerade die Tatsache, dass wir das immer wieder vergessen, wie verletzlich Kinderherzen tatsächlich sind.

Oder anders formuliert:

Dass wir vergessen konnten,
wie verletzlich Kinderherzen sind,
beweist, wie verletzlich Kinderherzen wirklich sind.

Weil Verletzlichkeit oft unsichtbar ist

Wäre die Verletzlichkeit von Kindern laut, sichtbar und unübersehbar, würden wir sie kaum vergessen.

Doch sie zeigt sich oft nur für einen kurzen Moment. Und oft ist sie still.

Ein Kind weint kurz – und spielt dann weiter.
Ein Kind wird beschämt – und lacht fünf Minuten später wieder.
Ein Kind erlebt Zurückweisung – und erwähnt sie nie mehr.

Und wir schliessen daraus: "Es hat ihm nichts gemacht.”

Doch vielleicht stimmt das gar nicht.

Vielleicht zeigt es nur,
wie meisterhaft Kinder darin sind, weiterzumachen.
Wie abhängig sie von uns sind.
Wie wenig sie es sich leisten können, die Verbindung zu den Menschen zu verlieren, von denen sie leben, lernen und wachsen.

Die Sätze, die wir alle kennen

Vielleicht vergessen wir die Verletzlichkeit von Kindern auch deshalb so leicht, weil wir selbst gelernt haben, über sie hinwegzugehen.

Dann hören wir Sätze wie:

  • "Die anderen machen es doch auch so."

  • "Uns hat es auch nicht geschadet."

  • "Jetzt stell dich nicht so an."

  • "In dem Alter darf man doch erwarten…”

  • “Da musst du durch."

  • "Das Leben ist nun mal hart."

Oft werden diese Sätze nicht aus Bosheit ausgesprochen.
Sondern aus Gewohnheit.
Mit guter Absicht.
Aus eigener Erfahrung.

Vielleicht haben wir vergessen, wie verletzlich Kinderherzen sind, weil Kinder ihre Verletzlichkeit nicht immer sichtbar tragen.

Und weil auch wir Wege finden mussten, mit Enttäuschung, Beschämung, Trennung oder Überforderung umzugehen.

Weil auch unsere Herzen einmal klein waren

Auch wir waren einmal Kinder.

Auch unsere Herzen waren einmal verletzlich.

Auch wir mussten Wege finden, mit Enttäuschung, Beschämung, Trennung oder Überforderung umzugehen.

Manche von uns wurden gehalten.
Manche mussten früh stark werden.
Manche lernten, ihre Tränen zurückzuhalten.
Manche lernten, ihre Verletzlichkeit gut zu verstecken.
Und einfach weiter zu machen.

Wir konnten das. Kinder können das.
Kinder finden Wege, mit dem weiterzuleben, was ihnen begegnet.

Vielleicht fällt es uns deshalb manchmal schwer zu erkennen, wie verletzlich Kinder sind.

Nicht weil wir sie nicht lieben. Sondern weil wir längst vergessen haben, wie abhängig, wie unreif und wie verletzlich wir selbst als Kinder einmal waren.

Warum Kinder so verletzlich sind

Wenn wir verstehen wollen, warum Kinder so verletzlich sind, müssen wir einen Schritt zurückgehen - zur Entwicklung selbst.

Denn Kinder sind nicht verletzlich, weil sie schwach wären, sondern weil sie von Natur aus unreif sind.

Sie kommen nicht fertig auf die Welt.

Während viele Tierkinder schon kurz nach ihrer Geburt laufen, sich orientieren oder sogar selbst Nahrung suchen können, brauchen Menschenkinder Jahre, bis die grundlegenden Fähigkeiten herangereift sind, die wir Erwachsenen oft als selbstverständlich betrachten.

Sie können sich noch nicht selbst versorgen.
Sie können sich noch nicht schützen.
Sie können ihre Gefühle noch nicht selbst regulieren und Belastungen noch nicht einordnen.
Sie können viele Situationen noch nicht verstehen und sich noch nicht in der Welt orientieren.

Genau deshalb braucht es uns Eltern.
Genau deshalb braucht es Bindung.
Genau deshalb braucht es Erwachsene, die Verantwortung übernehmen.

Die Natur hat Kinder absichtlich so geschaffen.
Unfertig.
Unreif.
Abhängig.

Nicht weil etwas mit ihnen nicht stimmt.

Sondern weil Entwicklung Zeit braucht.

Abhängigkeit macht verletzlich

Und genau hier entsteht die eigentliche Verletzlichkeit.

Denn Kinder sind darauf angelegt,
sich anzulehnen,
sich festzuhalten.
sich orientieren zu können.
Zu vertrauen.

Denn genau so funktioniert Entwicklung.

Ein Kind wächst in Beziehung. Weil da jemand ist, an den es sich anlehnen kann, der Orientierung schenkt, der schützt, trägt und Verantwortung übernimmt.

Und genau darin liegt gleichzeitig seine Verletzlichkeit.

Denn wo Bindung möglich ist,
ist auch Verletzung möglich.

Wo Vertrauen entsteht,
kann Vertrauen enttäuscht werden.

Und vor allem:
Wo ein Kind sich anlehnt, gerät es ins Wanken,
wenn dieser Halt wegbricht.

Die Verletzlichkeit von Kindern ist deshalb kein Fehler der Natur.

Sie ist die Folge ihrer ganz natürlichen Unreife.

Und die Kehrseite ihrer Bindungsfähigkeit.

Vielleicht vergessen wir die Verletzlichkeit von Kindern genau deshalb so leicht.

Weil ihre Abhängigkeit so selbstverständlich wirkt.

Und weil wir übersehen, dass geradein dieser Abhängigkeit ihre grösste Verletzlichkeit liegt.

Verletzlichkeit sehen

Wenn wir die Verletzlichkeit von Kindern wirklich verstehen, beginnen wir vieles anders zu sehen.

Dann sehen wir in der Wut nicht mehr nur die Aggression,
sondern das enttäuschte Herz dahinter.

Dann sehen wir im Trotz nicht mehr nur den Widerstand,
sondern ein Kind, das mit etwas ringt, das grösser ist als es selbst.

Dann sehen wir in den Tränen nicht mehr ein Problem,
sondern die Lösung der Natur.

Und vielleicht hören wir auch auf, von Kindern Dinge zu erwarten, die sie noch gar nicht leisten können.

Weil wir verstehen:

Sie sind nicht schwierig - sie sind unreif.
Sie sind nicht manipulativ - sie sind abhängig.
Sie sind nicht schwach - sie sind verletzlich.

Wo Wachstum ist, ist auch Verletzlichkeit

In der Natur begegnen wir überall dem gleichen Prinzip:

Zuerst kommt das Getragenwerden, dann das Wachsen.
Erst die Wurzeln, dann die Flügel.
Erst die Knospe, dann die Blüte.
Erst die Abhängigkeit, dann die Eigenständigkeit.

Und genau in dieser Zeit des Wachsens liegt auch die Verletzlichkeit.

Die Blüte ist verletzlicher als die ausgereifte Frucht.
Der junge Trieb verletzlicher als der ausgewachsene Ast.
Der eben geschlüpfte Vogel verletzlicher als der, der den Himmel bereits kennt.

Nicht weil etwas mit ihnen nicht stimmt, sondern weil sie noch nicht fertig sind.
Weil sie noch wachsen.
Weil sie noch Schutz brauchen.

Warum sollte es bei Kindern anders sein?



Alles beginnt hier

Bindungsbasiertes Begleiten beginnt genau hier.

Bei einer tiefen Achtung vor dem Entwicklungsweg eines Kindes.

Bei der Erkenntnis, dass unter jedem Verhalten ein Herz schlägt.
Ein Herz, das noch wächst.
Ein Herz, das noch reift.
Ein Herz, das noch auf uns angewiesen ist.

Ein Herz, das erstaunlich stark ist und gleichzeitig erstaunlich verletzlich.

Und vielleicht verändert sich genau in dem Moment etwas.

Nicht im Kind.
Sondern in uns.

Vielleicht erinnern wir uns wieder daran,
dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind
und dass Entwicklung Zeit braucht.

Dass Stärke nicht dort beginnt,
wo Verletzlichkeit verschwindet,
sondern dort, wo sie gehalten wird.

Kinderherzen sind verletzlich.
Vielleicht ist es Zeit, uns wieder daran zu erinnern.

herzlich,
Simona

PS:
Dieser Gedanke gehört zu den Erkenntnissen, die meinen Blick auf Kinder am stärksten verändert haben.

Und er ist gleichzeitig einer der roten Fäden, die sich durch meinen Jahreskurs ziehen: Kinder von innen heraus verstehen, damit aus Wissen Vertrauen und aus Vertrauen ein stimmiges Handeln wachsen kann.

PPS:
Dass Kinder nach einer Verletzung weiterspielen, wieder lachen oder nie mehr darüber sprechen, bedeutet nicht zwingend, dass nichts passiert ist. Kinder finden erstaunliche Wege, mit dem weiterzuleben, was ihnen begegnet.

Manchmal hinterlassen Verletzungen sichtbare Spuren.
Manchmal werden sie still im Innern getragen.
Und manchmal begegnen sie uns Jahre später wieder – in Form von geringem Selbstwertgefühl, Ängsten, einengenden Glaubenssätzen undundun…

Doch das ist eine andere Geschichte.



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Wenn ich noch einmal eine Schule gründen würde